Ein Werteprozess ist kein Projekt, das man „bei HR“ starten kann, um später „die Führung“ mitzunehmen.
Ein kurzer Hinweis vorab: Die folgenden Beispiele stammen aus unserer Beratungspraxis. Wir teilen sie, weil ähnliche Situationen in vielen Organisationen vorkommen – und weil man sich manches an Umwegen sparen kann, wenn man typische Muster früh erkennt.
Der Kontakt läuft erstaunlich oft ähnlich: Eine Personalchefin oder ein Verantwortlicher aus der zweiten Führungsebene meldet sich mit dem Wunsch nach einem Werteprozess oder einer Kulturentwicklung. Der Auslöser ist selten „Kulturromantik“, sondern harte Signale aus dem Alltag.
Typische Hinweise, die wir hören (und die HR-, OE- und Change-Leute sofort kennen):
Die Person, die bei uns anruft, ist oft weder naiv noch machtbesessen. Im Gegenteil: Sie sieht das Muster, sie hat Daten, sie kennt die Geschichten. Und sie ist – im System – häufig ziemlich allein. Der „einsame Wolf“ (oder die „einsame Wölfin“) mit einem echten Anliegen, aber ohne Mandat, das groß genug ist.
Und genau hier beginnt das Problem: Ein Werteprozess ist kein Projekt, das man „bei HR“ starten kann, um später „die Führung“ mitzunehmen. Werte greifen in das Betriebssystem der Organisation ein. Sie fordern eine klare Idee vom „Wie es sein soll“, aber auch Konsequenzen. Und Konsequenzen müssen dort entschieden werden, wo Macht, Ressourcen und Strukturverantwortung liegen.
Das System würde einen wesentlichen Fortschritt erzielen, wenn… Wertearbeit nicht als gut gemeinte Initiative Einzelner verstanden würde, sondern als verbindliche Entscheidung der Unternehmensleitung, inklusive der Bereitschaft, Strukturen und Führungslogiken anzupassen.
Unser Vorgehen startet deshalb nicht mit Workshops für Leitbilder, sondern mit zwei harten Klärungen.
Wir führen gezielte Gespräche, um den Zusammenhang sichtbar zu machen: Werte sind nur dann hilfreich, wenn sie verbindlich werden – und Verbindlichkeit hat immer einen Preis.
Ein paar typische Beispiele, die in diesen Gesprächen schnell konkret werden:
Diese Phase ist manchmal der eigentliche Wendepunkt, weil sie die Frage stellt, die sonst gern umgangen wird: Wollen wir wirklich neue Werte oder wollen wir ein Poster?
Im zweiten Schritt prüfen wir gemeinsam, ob die strategische Ausrichtung ausreichend klar ist. Wenn nicht, steigen wir zuerst in eine strategische Klärung ein.
Wenn Mandat und Strategie stehen, gehen wir in einen partizipativen Prozess mit Mitarbeitenden: Die Werte werden als Verhaltensanker formuliert, die die Umsetzung der Strategie unterstützen: Was muss im Alltag mehr passieren? Was weniger? Welche Entscheidungen werden dadurch einfacher? Wertearbeit passiert also nicht im Sinne von Abstimmen über wohlklingende Begriffe, sondern gemeinsam herausarbeiten, welche Verhaltensweisen künftig belohnt, erwartet und eingefordert werden. Und: wie das konkret in Meetings, Projekten, Führung, Zusammenarbeit sichtbar wird. Was konkret soll unser Erlebnisversprechen an uns selbst und unsere Partner sein?
Die Ergebnisse unterscheiden sich und genau das ist die wichtigste Lernerfahrung!
In manchen Organisationen ist nach den Gesprächen eindeutig: Es gibt zu viele widersprüchliche Ziele, zu wenig Priorität, zu wenig gemeinsames Bild. Dann starten wir nicht mit Werten, sondern mit Strategie-Klärung. Der Effekt ist oft sofort spürbar: Entscheidungen werden einfacher, Konflikte werden benennbarer, und die spätere Wertearbeit hat Substanz.
Wenn Board/Firmenleitung den Prozess wirklich trägt und die Strategie klar ist, kann ein Werteprozess enorm wirksam sein: Mitarbeitende erleben, dass ihre Perspektive zählt, und Führungskräfte arbeiten konsequent an Umsetzung, inklusive Anpassungen in Verantwortung, Routinen, Zielsystemen. Dann entstehen Werte, die man nicht „kommuniziert“, sondern die man im Alltag erkennt.
Und manchmal zeigt sich in der Führungsrunde ehrlich: Man möchte gern, dass „Kultur besser wird“, aber man möchte die Konsequenzen nicht. Keine Änderung an Machtverteilung, keine Anpassung von Strukturen, keine Konflikte, keine Zumutungen. Lieber ein „Poster“ als echte Veränderung.
Auch das ist eine klare Entscheidung und dann ist unsere Empfehlung: Werte bedeuten konkrete Eingriffe in Führung und Organisation und wer das nicht will, sollte keinen Werteprozess starten.
Sonst produziert man Enttäuschung, Zynismus und die nächste Runde „Kulturinitiative“, die niemand mehr ernst nimmt.
Erster Check:
Kommenden Dienstag finden Sie hier einen neuen Fall aus unseren Praxis. Stay tuned!