Vom ICH … (Teil 1)


Auf den ersten Blick wären sie die kommenden Führungskräfte für das mittelständische Familienunternehmen:  sehr gut ausgebildete Frauen und Männer um die 30 bis 40 Jahre, fachlich topfit und sprachgewandt, wohlerzogen und höflich im Umgang miteinander, ambitioniert und bereit, viele Überstunden für ihren Arbeitgeber zu leisten (auch wenn dabei pro Jahr über 10.000 (!) Verstösse gegen die Arbeitszeitordnung anfallen).

Auf den zweiten Blick fällt uns als Beratern auf, dass die Teilnehmenden an Prgrammen für High Potentials durchgängig ein ganz spezielles Verhalten in Diskussionen pflegen, vor allem in solchen, in denen es keinen nominellen „Boss“ oder ein von aussen vorgegebenes Ziel gibt:

  • das Personalpronomen „Ich“ kommt so gut wie gar nicht vor, meist
     wird es ersetzt durch das „Man“
  • es gibt keine Sätze, die mit „ich“ oder gar „ich will ...“ beginnen
  • Meinungen werden überwiegend als Frage in den Raum gestellt „sollten wir nicht …?“
  • es gibt viele, viele Konditionale („könnte, würde, sollte …“)
  • „Ärger“ wird nicht öffentlich gemacht oder in einer Diskussionsrunde angesprochen
  • wie überhaupt eigene „Gefühle“ aller Art: Freude, Enttäuschung, Wut, Erstaunen, Schmerz, Überraschung, Zuneigung und Abneigung, Sehnsucht und Leidenschaft, Verunsicherung und Überzeugung oder Selbst-Sicherheit so gut wie niemals ausdrücklich erwähnt oder gar zum Gegenstand der Diskussion selbst gemacht werden 
  • in Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen fehlt die mutige Selbstpositionierung" und anschliessende Selbstbehauptung/Verteidigung der eigenen Position - erst recht bei Gegenwind 
  • dafür ist ein hohes Mass an Selbstkontrolle und -Regulierung bis zur Selbstzähmung und Selbstverleugnung beobachtbar
  • eigener Standpunkt wird sehr flexibel entwickelt und schält sich heraus als eine Resultante eines tastenden, im Vagen verlaufenden Gruppenprozesses mit hohen taktischen, abwartenden und unverbindlichen Anteilen.

Mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob die vielbeschriebene Generation Y nicht eine Yllusion ist.

Ich will hier über den Nutzen, den Unternehmen und Mitarbeiter jeweils aus einer solchen Kultur ziehen bzw. über den Preis, den die Beteiligten möglicherweise dafür zahlen, nicht weiter spekulieren.

Auch nicht über die möglichen systemischen und persönlichen Gründe für ein solches individuelles und Unternehmens-Verhalten.

Sondern darüber, dass es im langfristigen, übergeordneten Interesse des Unternehmens ist, (ohne Konditional!), diese Ich-Stärkung der einzelnen Menschen gerade bei der oben genannten Personengruppe gleichermassen einzufordern und zu fördern. 

Aus Sicht des Unternehmens geht nicht um Mitarbeiter-Doping wie im Radsport, sondern darum, dass sich-selbst-bewusste Menschen auf Dauer die wertvollsten Beiträge zum Ganzen leisten.

Und um es mit Luther zu sagen - durch den schon so manches respektlose Zitat geadelt wurde - "Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“.

Aus Sicht des Mitarbeitenden ist in keinem Fall die bewusstlose Selbst-Optimierung im unreflektierten Auftrag des Unternehmens gemeint. Sondern viel mehr die „Ich-Destillation“ - die Herausarbeitung des dem jeweiligen Menschen Wesentlichen, des mir und meinen Bedürfnissen und Interessen Entsprechenden gemeint.

Erst, wenn ich selbst als Mensch und Mitarbeiterin einen starken, bewussten Zugang zu mir selbst und meiner Entwicklung habe, werde ich mir einen starken Zugang zu Entwicklung und Gestaltung der Organisation schaffen, in der ich arbeite.

Ist das ein einfacher Weg? 

Manchmal ja, manchmal nein! 

Aber gibt es einen anderen?



Herzliche Grüsse

Thomas Huber