Interviewtraining für Fussball-Reporter


Stellen Sie sich vor: Deutschland gewinnt nach 120 harten Minuten gegen Algerien 2:1.

Und folgendes Interview wird geführt:


Reporter: Herr Mertesacker: herzlichen Glückwunsch zu diesem extrem wichtigen Sieg, dem Einzug ins Viertelfinale und zu dieser unglaublichen Energieleistung von Ihnen persönlich!  
Vielen Dank, dass Sie direkt 
zu uns zu einem kurzen Interview kommen. 
Wie geht es Ihnen jetzt - unmittelbar nach Abpfiff?

Mertesacker: 

Reporter: Welcher Augenblick des Spiels wird Ihnen in besonders guter Erinnerung bleiben?

Mertesacker: 

Reporter: Wer aus ihrer eigenen Mannschaft hat sie im Lauf des Spiels ausserordenlich positiv beeindruckt und warum?

Mertesacker: 

Reporter: Wie haben Sie selbst sich in einem kritischen Moment des Spiels noch einmal extra motiviert?

Mertesacker: 

Reporter: Was hat nach Ihrer Meinung den Ausschlag dafür gegeben, dass die deutsche Mannschaft in diesem Spiel dennoch die Oberhand gegen einen extrem kampfstarken Gegner behalten hat?

Mertesacker: 

Reporter: Was an Spielzügen / Taktik / Strategie aus diesem Spiel würden Sie am liebsten in das nächste Spiel übernehmen?

Mertesacker: 

Reporter: Was können Sie und ihre Mannschaft in diesem Spiel von ihrem Gegner Algerien lernen?

Mertesacker: 

Reporter: Herr Mertesacker - vielen Dank für diese Einblicke und ihre persönliche Sicht!


Aber leider lief das Interview so: http://bit.ly/1lNrlle


Selbst wenn ein Reporter seine professionelle Rolle so definiert, dass er den „kritischen Finger in die Wunde legt“, muss er emotional so anschlussfähig an seinen Interviewpartner bleiben, dass er dieses Ziel auch erreicht. 

Aber ist diese investigatorisch-aufklärerische Selbstbeauftragung in diesem Fall auch angebracht? Wenn man einem halbseidenen und völlig weltfremden Herrn Blatter gegenübersitzt - sicherlich.

Aber bei Herrn Mertesacker? Nach 2 Stunden körperlicher Ausnahmeleistung? Kann der Auftrag auch ganz anders definert werden ...

Persönlich würde ich es begrüssen, wenn den Damen und Herren Reportern wenigsten bewusst wäre, dass sie (fast automatisch?) in einem überwiegend kritischen, negativen und besserwisserischen Fokus sind und immerhin die Wahl haben, mehr Wertschätzung in ihre Gesprächsführung zu legen.

Dieser Fokus auf das Wertzuschätzende kann übrigens trainiert werden, liebes ZDF und ARD.


Herzliche Grüsse

Thomas Huber