Am Scheideweg ...

Es gibt sie: die heiligen Kühe,  die Tabus, das Unsägliche, das, dessen Name nicht genannt werden darf … vor allem in Familienunternehmen - auch solchen, die bisher sehr erfolgreich waren.


Dann können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermehrt beobachten, dass bestimmte Themen einfach nicht angesprochen, diskutiert, zu Ende gedacht werden dürfen:
Zum Beispiel werden von der Unternehmensleitung immer vehementer Innovationen gefordert, aber eben solche, wie sie der Tradition des Unternehmens seit 60 Jahre entsprechen: Innovationen auf der „Hardware“, solche Innovationen wie sie schon der Unternehmensgründer erfand, vielleicht eine geniale Süssigkeit oder ein geniales Stück Metall oder ein geniales Elektrowerkzeug.

Aber solche Innovationen sind rar gesät! Wo sich viele exzellente Werfer bemühen, geht es eben weniger um den einen genialen Wurf, den Lucky Strike. Der geniale Hardware-Erfolg, vor allem einer, der einen lang andauernden Wettbewerbsvorteil ermöglicht, ist extrem selten.

Wenn aber darüber nicht offen diskutiert und die (alte und womöglich falsche) Prämisse nicht infrage gestellt werden darf .

Oder der über 80jährige Partriarch versucht, die in Europa erfolgreichen Strategie in andere Kulturkreise zu exportieren: "Ja soll doch der Inder die gleichen Produkte kaufen wie der Deutsche! Aber das funktioniert eben nicht: Klima, Konsumgewohnheiten, Kaufkraft - alles ist dort anders - Expansion folgt dort anderen Regeln.
Gleichzeitig darf im Unternehmen nicht darüber gesprochen werden, dass die Neuorganisation des Unternehmens eine derartige Vernetzung und 
Verlangsamung bei Entscheidungsprozessen zur Folge hat, dass die Entwicklung einer neuen Verpackung schon 2 Jahre (!) und eines neuen Produkts länger als 5 Jahre dauert. Und es handelt sich im genannten Beispiel nicht um Raketenbauteile oder den nationalen Durchbruch bei der Elektromobilität.

Heute folgen Innovationen meist einer anderen Logik und Mechanik, finden viel häufiger in den Tiefen der Prozesse statt, verknüpfen physische und digitale Dienstleistungen zu „smart services" und berühren direkt und unausweichlich bereichsübergreifende Themen. Eine Erneuerung innerhalb der Prozesse (Struktur) ist aber nur möglich, wenn die bereichsübergreifende Zusammenarbeit und die dieser Zusammenarbeit zugrunde liegende Kultur ebenfalls zum Thema gemacht werden kann. Man muss an dem Grundverständnis arbeiten, aus dem heraus die Akteure im Unternehmen zukünftig zusammen arbeiten wollen/müssen.

Damit die Innovations- und Selbsterneuerungskraft eines Unternehmens gefördert wird, ist es erforderlich, dass in dem berühmten Dreieck aus Strategie - Struktur - und Kultur also alle relevanten Themen angesprochen werden dürfen!

Innovation findet auf allen drei Feldern statt oder gar nicht. Dazu ist zu thematisieren, was das Unternehmen langsam und schnell macht, strategische, kulturelle und strukturelle Innovationen verhindert oder befördert. Strategieentwicklung ist immer auch und gleichzeitig Kultur- und Strukturentwicklung!

Mit dem Wachstum müssen sich viele Mittelständler das wieder erobern, das sie einst erfolgreich gemacht hat: - Respektlosigkeit; die Bereitschaft, unternehmerisches Risiko zu übernehmen; - die Experimentierlust; - die kurzen Wege und schnellen Entscheidungen; - die vielen Ohren am Kunden und flexiblen Reaktionen auf deren Bedürfnisse.

Sonst stehen viele von ihnen einfach am Scheideweg.


Herzliche Grüsse

Thomas Huber